"Seelsorger im Staub von Kabul"


Pfarrer Joachim Simon hat Soldaten in Afghanistan betreut - und klagt über die schwierigen Arbeitsbedingungen bei der Bundeswehr

von Christian Mayer

(Artikel in der Süddeutschen Zeitung, 15.03.2002),

Es gibt Momente, in denen selbst ein wortgewandter Mann wie Joachim Simon sprachlos ist. Und so erschöpft, dass er in seinem Sitz wegdöst, während die Airbus-Maschine ein paar Tausend Kilometer über dem Bergland von Usbekistan schwebt. Das Schlafdefizit lässt sich eben nicht dauerhaft unterdrücken, auch wenn ein Militärdekan immer im Einsatz ist. Theoretisch. Jetzt müsste er sich eigentlich um die Pioniere der Bundeswehr kümmern, die ihre toten Kameraden begleiten: Sargträger für zwei deutsche und drei dänische Soldaten, die beim Entschärfen einer russischen Rakete ums Leben gekommen sind.

"Ich konnte einfach nicht mehr. Und die Soldaten hatten ebenfalls das Bedürfnis, sich zu entspannen", erzählt der 41-Jährige vom Rückflug aus Kabul am 9. März. Seine Müdigkeit hat der katholische Geistliche noch rechtzeitig überwunden. Weil er, kaum am Flughafen Köln angekommen, die Angehörigen der Opfer trösten musste. "Ich habe ihnen gesagt, wie sehr die Menschen in Kabul Anteil am Tod der Soldaten genommen haben." Mehr will er nicht verraten. Seelsorge ist Vertrauenssache.

"Beten Sie für uns!"

Joachim Simon, 41, hat gerade einen dreimonatigen Einsatz in Afghanistan hinter sich. Der Schalenkoffer mit der Aufschrift "Kultgerät" liegt unausgepackt in seiner Wohnung an der Panzerwiese. Der Priester wohnt in der Nähe der Ernst-von-Bergmann-Kaserne, wo er mithilft, Sanitätssoldaten auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Die Eindrücke aus Kabul muss auch er erst verarbeiten. Zum Beispiel den Hilferuf eines Pflegers, der aus der Intensivstation gerannt kam, wo die Verwundeten der Explosion behandelt wurden: "Herr Pfarrer, beten Sie für uns!" Oder die intensiven Gespräche, die er nach dem tragischen Unfall mit Soldaten führte. "Stress-Management" heißt das bei Psychologen.

Ja, es hat sich vieles verändert bei der Bundeswehr, seit deutsche Soldaten auf dem Balkan oder am Hindukusch den Frieden sichern. Fern der Heimat, direkt an den Gefahrenquellen. Mehr als 38 Mann sind seit 1990 bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen, einer davon bei Kampfhandlungen. Auf die wachsenden Probleme der Streitkräfte hat gerade erst der Wehrbeauftragte des Bundestages, Willfried Penner, in sehr drastischen Worten hingewiesen: Es stehe viel zu wenig Geld für die Personalbetreuung zur Verfügung, die Geräte seien oft älter als die Soldaten, dazu komme die Unsicherheit der Bundeswehr- Angehörigen über Art und Dauer von Auslandseinsätzen.

Joachim Simon kann viele Klagen, die im "Mängelbericht" des Wehrbeauftragten stehen, aus eigener Anschauung bestätigen. "Wir hatten in Kabul ein Feuerwehrauto mit Baujahr '62", erzählt er. Und im Feldlager mangle es an modernen Fernmeldegeräten. Das alles vor dem Hintergrund eines ohnehin kargen Alltags im Feldlager "Warehouse": Die Soldaten der internationalen Schutztruppe (Isaf) führen das Dasein von Dauercampern, die im Staub von Kabul hausen. "An Latrinen und Zehn-Mann-Zelte müssen sich die Leute erst gewöhnen. Viele Räume hatten wochenlang keine Fensterscheibe und keine Heizung. Bis vor kurzem gab es auch keine richtigen Waschgelegenheiten", berichtet Simon. Die afghanische Hauptstadt erinnere ihn an die Bilder des zerbombten Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Befehlsfreie Zone" steht über dem Eingang zur Stube des Militärpfarrers in Kabul. "Wir wollen ein Stück Heimat in der Fremde bieten", beschreibt Simon seine Arbeit und die der anderen Geistlichen aus England, Spanien, Italien und den Niederlanden bei der Isaf-Truppe. Das Interesse der Soldaten an Beistand sei enorm: 60, 70 Tassen Kaffee hat Simon jeden Tag im improvisierten Pfarrzentrum ausgeschenkt. Die Feldgottesdienste waren gut besucht.

Auch über praktische Probleme reden die Seelsorger mit den Soldaten. "Viele wollen nur, dass ihnen jemand zuhört." Natürlich ging es von Anfang an darum, die Ängste der Soldaten ernst zu nehmen: Wie sicher ist das Feldlager vor möglichen Anschlägen? Wann geht die nächste schlafende Bombe hoch, wann muss wieder eine Rakete oder Landmine entschärft werden? Welche Sorgen machen sich die Angehörigen zu Hause?

"Wer fromme Sprüche klopft, kommt nicht weit" - diese Erfahrung hat Simon schon bei seinen früheren Aufenthalten in Bosnien und im Kosovo gemacht. Fürsorge bedeutet für ihn und seinen jetzigen Nachfolger in Kabul auch, Betreuung in der knapp bemessenen Freizeit zu organisieren. "Manchmal wollen die Männer einfach nur ein paar Bücher oder eine CD ausleihen. Dafür hat der Staat auch kein Geld mehr übrig." Aber ist es nicht eine Demütigung für die Soldaten, wenn sie erst den Militärdekan fragen müssen, ob sie seinen kirchlich finanzierten Laptop benutzen dürfen?

Es sind nicht nur materielle Probleme und aktuelle Gefahren, mit denen die Bundeswehr in Kabul oder auf dem Balkan zu kämpfen hat. "Viele Soldaten wissen gar nicht, wie lange ihr Einsatz dauern wird. Davon sind die Familien und die Partner unmittelbar betroffen." Wer wann und in welcher Mission in ein Krisengebiet geschickt wird, bleibt oft bis kurz vor Abflug offen. Die Bundeswehr ist überfordert. Joachim Simon glaubt, das grundsätzliche Dilemma zu kennen: "Die Politiker sind für eine Ausweitung der Einsätze, aber sie wollen kein Geld für Ausrüstung und Personal ausgeben." Es sei deshalb nicht weiter verwunderlich, dass trotz des gestiegenen internationalen Ansehens der Bundeswehr immer weniger junge Menschen dienen wollen. Der Pfarrer nennt das den "Mutter-Theresa-Effekt": "Je höher das gesellschaftliche Ansehen eines Standes, desto weniger Menschen finden sich, diesen Dienst zu leisten."

Auch die Militärgeistlichen bekommen die Finanzmisere am eigenen Leib zu spüren. Seit Simon vor zehn Jahren sein Amt antrat, hat sich die Lage permanent verschlechtert. Im Fuhrpark des Militärbischof-Amtes stehen inzwischen nur noch alte Karossen, die nicht mehr verkehrstüchtig sind: Wenn ein Pfarrer einen Soldaten besuchen will, muss er im eigenen Auto in die Kaserne fahren. "Aber auch Fahrzeuge der Bundeswehr pfeifen aus dem letzten Loch", sagt Simon. Es hört sich überhaupt nicht verbittert oder resigniert an. Dazu macht ihm seine Arbeit viel zu viel Freude. "Sehen Sie", sagt er nachdenklich, "es ist ein schönes Gefühl - zu wissen, wie sehr man als Seelsorger gebraucht wird."